Die Machbarkeit einer Geschäftsidee prüfen - Selbständig in der Kaffeenbranche

backyard coffee - Geschrieben am 07.04.2020

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Einleitung

Einer Geschäftsidee einen formellen Rahmen zu geben, ist oft eine der größten Hürden, die zu nehmen ist. In der eigenen Gedankenwelt erscheint alles stimmig, doch dieser Schein trügt in der Regel. Sachliche Argumente mischen sich oft mit emotionalen Eindrücken, die einem selbst ein komplettes Bild vorspielen. Doch solange man nicht in der Lage ist, ein vollständiges Bild einer Dritten, bisher unbeteiligten, Person zu vermitteln, solange ist die Idee nicht ausreichend gereift. Neben der Vollständigkeit einer Idee geht es auch darum, diese gegen bereits am Markt vorhandene Ideen abzugrenzen, sein persönliches Alleinstellungsmerkmal zu finden.

Rückblick

Im ersten Teil dieser Serie haben wir uns damit beschäftigt, eine Idee zu formalisieren und zunächst viele Aspekte zu verschriftlichen. Es ging darum, alle Ideen festzuhalten, seien sie auch noch so verrückt. Zwischen Detailgraden durfte gesprungen werden, übergreifende Themen und kleinste Details wurden aufgeschrieben. Nun ist es an der Zeit, diese Dinge kritischer zu betrachten und in eine strukturierte Form zu bringen. Es spricht nichts dagegen, weiterhin neue Idee zu haben und mit diesen zu spielen. Ideen gehören weiterhin in ein eigenes Töpfchen, sobald diese ausreichend gereift sind, werden auch diese in nächste Phase übernmommen.

Detailbetrachtung

Ein sehr gutes Vorgehen ist, die eigene Geschäftsidee aus Sicht unterschiedlicher Akteure zu betrachten, wir nennen diese Personas. Eine Persona ist jede Personengruppe, die im täglichen Geschäftsbetrieb eine Rolle spielt. Für einen Coffeeshop kann das schlicht der Kunde, der Barista oder ein Lieferant sein. Für die Praxis empfiehlt es sich jedoch, diese Gruppen feiner zu unterteilen. Je nach Lage des Geschäfts, könnten Kunden Schüler, Studenten, Geschäftsleute, Eltern mit Kleinkind oder junge Familien sein. Jede dieser Gruppen hat eine andere Erwartung an das, was wir an Produkten, Dienstleitungen und Infrastruktur bereitstellen. Entsprechend sollte man diese von Beginn an unterschiedlich betrachten. Es geht nicht nur darum, eine Antwort auf jedes Anliegen einer Persona zu finden. Manchmal geht es auch darum, ein Anliegen oder eine Persona generell auszuschließen. Schüler dürften sehr kostensensitiv sein, wohingegen Eltern mit Kleinkindern einen Wickeltisch, eine gute Hygiene und sichere Bereiche sehr begrüßen dürften. Die Liste der Personas sollte stetig ergänzt und verfeinert werden, wenn dies sinnvoll erscheint. Es hilft, zunächst zu starten und dann in vielen Durchläufen über die Zeit neue Personas einzuführen und vorhandene Personas aufzuteilen.

Mit den folgenden Personas sollte man beginnen, die Notwendigkeit zur Verfeinerung ergibt sich dann im Rahmen der weiteren Ausarbeitung:

  • Kunde
  • Mitarbeiter
  • Betreiber
  • Lieferant

Aus Kunden entwickeln sich rasch verschiedene Zielgruppen, für die meist unterschiedliche Angebote definiert werden.

User-Stories

Mit einer Gruppe definierter Personen ist es noch nicht getan. Nun geht es darum aufzuschreiben, welche Aktivität diese Persona ausübt. Man nennt diese Form der Beschreibung eine User Story. Eine User Story ist noch keine Detailbeschreibung, sondern zunächst eine etwas formellere Form eine Idee oder Anforderung zu beschreiben. Man ordnet die Idee hierdurch einem konkreten Kontext zu, diese wird greifbarer und erlaubt Dritten leichter ein Verständnis. Je komplexer und vielseitiger die eigenen Idee sind, desto mehr helfen User Stories einem selbst, ein geordnetes Bild zu erzeugen.

Eine User Story muss zunächst drei Dinge erfüllen:

  • wer - Wer führt die Aktivität durch, hier wird der Name der Persona verwendet.
  • was - Was genau wird an Aktivität durchgeführt? Hier geht es darum, die Anforderung kurz und knapp auf den Punkt zu bringen, mit möglichst wenigen Worten.
  • warum - Was ist die Motivation der gewählten Persona, die gewünschte Aktivität durchzuführen?

Da davon auszugehen ist, dass die Anzahl an User Stories steigt, sollte man zusätzlich Kategorien vergeben. In welchen Themenbereich gehört eine User Story? Beispiele für Kategorien sind:

  • Kundenerlebnis
  • Wirtschafrtlichkeit
  • Marketing
  • Mitarbeiter
  • Identität
  • Produkte und Leistungen
  • Ausstattung

Zusätzlich muss jeder User Story eine eindeutige ID zugeordnet werden und ein sprechender Name. Als ID kann eine fortlaufende Nummer verwendet werden, bei der ersten User Story beginnt man mit 1 und zählt dann einfach hoch. Wichtig ist, dass eine Nummer nicht mehrfach vergeben wird. Durch die ID ist es möglich, später im Rahmen der Detailausarbeitung eindeutige Referenzen zwischen den User Stories herzustellen. Der kurze Name der User Story soll helfen, zu versrtehen, worum es in der User Story geht. Eine einfache Form der Ablage ist es, auf dem Computer je User Story eine kleine Datei anzulegen, deren Dateiname aus der ID und dem Namen besteht. Für komplexere Vorhaben empfiehlt es sich auf professionalle Werkzeuge zu setzen, bei backyard coffee und für unsere Kundenprojekte nutzen wir die Werkzeuge Jira und Confluence des australischen Unternehmens Atlassian.

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Beispiele

Folgend einige Beispiele für eine User Story.

  1. Als Kunde möchte ich von organisatorischen Hintergrundtätigkeiten nichts mitbekommen, da ich bei meinem Kaffee entspannen und nicht gestört werden möchte.
  2. Als Kunde möchte ich nachhaltige Produkte und Dienstleistungen kaufen, weil ich mit meiner Kaufentscheidung etwas positiv bewegen möchte.
  3. Als Barista möchte ich kurze Arbeitswege zwischen den Stationen, um meine Aufgabe effizient erledigen zu können.

Das Schema wer, was und warum hilft dabei, sich Gedanken über den Hintergrund einer User Story zu machen. Der Zusammenhang zwischen der reinen Anforderung (z.B. nachhaltige Produkte) wird ergänzt durch eine genauere Erläuterung: welchen Grund hat die Anforderung? Durch dieses Vorgehen bekommt man ein besseres Vertändnis der Anforderung, insbesondere dann, wenn mehrere Personen Anforderungen aufnehmen, dokumentieren und sich darüber austauschen sollen.

Eine User Story ist zunächst nur eine formellere Beschreibung eines Wunsches (Idee/Anforderung) und einer Zuordnung dieses Wunsches zu einem Kontext (Persona). Grundsätzlich kann man einen Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, was eine sehr sinnvolle Übung ist. Für einen Coffeeshop kann man das Kauferlebnis aus Sicht des Kunden beschreiben, aus Sicht des Baristas und aus Sicht des Eigentümers. Ein identischer Sachverhalt wird dann völlig unterschiedlich beschrieben.

  1. Als Kunde wünsche ich mir, dass man sich Zeit für mich nimmt, da ich als Person wahrgenommen und wertgeschätzt werden möchte.
  2. Als Barista wünsche ich mir, mit Kaffee auf höchstem Niveau zu arbeiten und dem Kunden zu präsentieren, da ich als Experte wahgenommen werden möchte.
  3. Als Eigentümer wünsche ich mir motivierte Mitarbeiter, die Kunden freundlich behandeln, da ich dadurch eine hohe Kundenbindung erzielen möchte.

Diese drei unterschiedliche Sichten, die sich mit demselben Sachverhalt auseinandersetzen helfen, die eigene Position klar zu definieren. Nicht selten entsteht aus dieser Betrachtungsweise ein Interessenkonflikt der einzelnen Personas, man kann nicht jeden Wunsch vollständig erfüllen.

Wie geht es weiter?

Nach Aufnahme einer Reihe von User Stories beginnt man, diese zu bewerten, zu kommentieren und zu überarbeiten. Eine Form der Bewertung ist es, einer User Story eine Priorität zu geben: Wie wichtig ist dieser Aspekt für das spätere Geschäft? Je mehr und je detaillierter die User Stories werden, desto notwendiger ist es, zu priorisieren. Nicht jedes Detail kann geklärt werden und nicht alle Dinge müssen zum jetzigen Zeitpunkt beantwortet werden. Die Priorität kann mit einem Fälligkeitsdatum ergänzt werden, über das man sich daran erinnert, User Stories zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu betrachten.

Die Kommentierung einer User Story ist die Beurteilung der Anforderung aus der persönlichen Sicht. Wie steht man zu der getroffenen Aussage? Sind mehrere Gründer an diesem Prozess beteiligt, ist es sinnvoll, jede Einzelmeinung festzuhalten und abschließend den gemeinsamen Konsens. Worauf hat man sich geeinigt, wie steht man zu einer Aussage? Für eine solche Besprechung sollte man sich ein Zeitlimit setzen, man spricht vom Time-Boxing. Je Punkt gibt man sich beispielsweise maximal zehn Minuten Zeit, um diesen zu besprechen. Man hält das Ergebnis fest und markiert, ob man den Punkt hat abschließend besprechen können oder ob dieser erneut besprochen werden muss. Kann man sich nicht einigen, ist es oft hilfreicher, die Position des anderen zu vertehen und diese zu dokumentieren, als ein Ergebnis zu erzwingen. Durch die Vielzahl an User Stories, die man bearbeitet, verlieren manche Dinge an Relevanz, da neue Aspekte aufkommen oder Themen gesamt verworfen werden. Beisst man sich zu sehr an einem Punkt fest, stagniert der Fortschritt.

Je nach Umfang einer Geschäftsidee dauert der Prozess, Ideen in User Stories zu detaillieren, Wochen oder sogar Monate. Dieser Prozess hilft jedoch, einen umfassenden Überblick über alle Aspekte des eigenen Vorhabens zu bekommen. Dieser Überblick gibt Sicherheit, hilft die eigene Geschäftsidee kritisch zu betrachten und zu verfeinern. Zudem bildet dieser Schritt die Grundlage für eine finanzielle und zeitliche Planung, was insbesondere bei Investitionen durch Dritte eine wichtiges Instrument ist.

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